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Mobilität in Mitteldeutschland: Erreichbarkeit gewährleisten – Teilhabe sichern

Die „Verkehrswende“ ist in aller Munde, doch ihre Realisierung ist vielschichtig und nicht nur eine Frage der Antriebsart. Schließlich ist die Art, wie Menschen mobil sind, sehr voraussetzungsreich und hängt sowohl vom Angebot und der Wahl der Verkehrsmittel ab, als auch von weiteren Faktoren wie der Erreichbarkeit zentraler Angebote der Daseinsvorsorge, der Preisgestaltung und anderer sozialer Faktoren.
Die Landesarbeitsgemeinschaft Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen der ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft befasste sich am 21.03.2024 in den Räumlichkeiten der Fachhochschule Erfurt mit diesen Aspekten für die Regionen der drei mitteldeutschen Länder.

Der Präsident der FH Erfurt, Prof. Dr. Frank Setzer, begrüßte die knapp 50 Teilnehmenden und würdigte die Veranstaltung in einem Grußwort hinsichtlich ihres interdisziplinären Zugangs zu einem gesamtgesellschaftlich zentralen Thema, denn schließlich gehe Mobilität alle Menschen an und müsse aus technischer, planerischer sowie sozialer Perspektive bearbeitet werden.

Für einen hochwertigen Input sorgten vier Referierende aus Wissenschaft und Praxis mit unterschiedlichen Zugängen zum Thema:

  1. Den Beginn machte Prof. Dr. Joachim Scheiner (TU Dortmund) mit einem grundsätzlichen Überblick zu dem Zusammenhang von Mobilität, Erreichbarkeit und sozialer Teilhabe. Es sei zu unterscheiden zwischen dem Wunsch und Bedarf, mobil zu sein und einer Erreichbarkeit und Möglichkeit zur Teilhabe – gerade auch als Vorsorgeprinzip in strukturschwächeren Räumen. Die hohe Rate an Mobilität zeige eine Notwendigkeit, durch viel Aufwand ungünstige Raumstrukturen zu kompensieren. Kleinräumige Erreichbarkeiten sicherten dagegen Teilhabe mit vergleichsweise weniger Mobilitätsaufwand auch für sozial von Exklusion bedrohte Gruppen.
     
  2. Prof. Dr. Matthias Gather (FH Erfurt) schloss direkt hieran an und fokussierte anhand empirischer Daten und Karten auf die drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Es zeigt sich, dass die Erreichbarkeiten und Mobilitätsangebote sehr differenziert zu bewerten sind. In Thüringen bspw. weist fast die Hälfte der Gemeinden einen hohen Handlungsbedarf bei Mobilitätsangeboten des öffentlichen Verkehrs auf, wenn allgemeine Erreichbarkeitsstandards angelegt werden. Die Zufriedenheitswerte zu Erreichbarkeiten mit dem ÖV sind dagegen in Umfragen deutlich besser als hiernach zu erwarten wäre. Die dezentralen Siedlungsstrukturen bieten hierfür gute Voraussetzungen, auch wenn der Pkw-Verkehr bislang Vorteile aufweist und eine teilhabeorientierte Verkehrswende auf dem Lande noch aussteht. Potenziale wie die Erzeugung erneuerbarer Energien in ländlichen Räumen für die E-Mobilität und Innovationen wie das Deutschlandticket sollten hierfür genutzt werden.
     
  3. Die Teilhabeorientierung mittels der Preisgestaltung rückte anschließend Prof. Dr. Claudia Hille (Hochschule Karlsruhe) in den Mittelpunkt. Vor der kurzzeitigen Einführung des 9-Euro-Tickets im Frühjahr 2022 konnten sich zehn Prozent einkommensschwacher Teile der Bevölkerung keine regelmäßige Nutzung des ÖPNVs leisten. Eine von ihr durchgeführte Studie in Erfurt konnte nachweisen, dass sich das Mobilitätsverhalten dieser Gruppen durch das Angebot deutlich verändert hat. Die Lebensqualität für diese Menschen hatte sich durch die Möglichkeit zu kleineren Ausflügen, Arztbesuchen und zur Nutzung anderer Leistungen der Daseinsvorsorge verbessert. Für urban gut angebundene Räume haben sich daher deutliche Teilhabeverbesserungen ergeben, die sich in dieser Form aber weder auf ländliche Räume einfach übertragen lassen, noch durch das jetzige 49-Euro-Ticket gleichermaßen weiterbestehen. Ein bundesweit einheitliches Sozialticket wäre hierfür ein wichtiges Instrument.
     
  4. Abschließend stellte Dipl.-Ing. Constantin Pitzen das Konzept des Integralen Taktfahrplans für Thüringen vor. Durch die aktuelle Entwicklung und Umsetzung dieses Konzeptes werden Buslinien an wichtigen Orten verknüpft und entsprechend getaktet. Dies soll es in Zukunft ermöglichen, den Busverkehr so auszurichten, dass weniger Wartezeiten beim Umsteigen zwischen einzelnen Verbindungen, auch zwischen Bus und Bahn, entstehen. Über Landkreisgrenzen hinweg sollen Verbindungen zeiteffizient funktionieren und mit weniger Fahrten insgesamt eine deutlich bessere Abdeckung ermöglichen. Dies spart Kosten und erhöht die Nutzungsqualität, verlangt allerdings einen Systemwechsel. Hierzu gehöre Mut, denn Einzellösungen zum Beispiel bei der Schülerbeförderung passen dann nicht mehr in das System.

Im Anschluss an die vier Vorträge wurden die Themen in zwei Diskussionsforen zu „Verkehrskonzepten“ und „Mobilität und Teilhabe“ mit allen Teilnehmenden vertieft.